160. Waldfest

160. Wald­fest am 28.12.2025

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Fest­re­de von Man­fred Rings (1. Vor­sit­zen­der Hei­mat­ver­ein Har­den­burg e.V.)

Sehr geehr­te Damen und Her­ren,

bevor ich mit dem Vor­trag begin­ne, möch­te ich mich bei dem aus­ge­wie­se­nen Ken­ner der ört­li­chen Geschich­te, Herrn Harald Buchert, für die Unter­stüt­zung bei der Recher­che sehr herz­lich bedan­ken. Als wei­te­re Erkennt­nis­quel­le leis­te­te mir das Har­den­burg Buch von Hans Zachert wert­vol­le Hin­wei­se. Eben­so diver­se Arti­kel von Georg Feld­mann in den Amts­blät­tern der Stadt.

Den Vor­trag wid­me ich dem Hei­mat­ver­ein zu sei­nem 90 jäh­ri­gen Jubi­lä­um 

Der Wald als Lebens­grund­la­ge und die Gast­stät­ten als sozia­ler Kno­ten 

Was bedeu­ten Gast­stät­ten wirk­lich?

Ganz all­ge­mein betrach­tet sind Gast­stät­ten nicht nur ein wich­ti­ger Wirt­schafts­fak­tor, son­dern haben dar­über hin­aus eine hohe Bedeu­tung für den gesell­schaft­li­chen Zusam­men­halt ‑eine Art sozia­les Bin­de­ge­we­be- und natür­lich auch für die Attrak­ti­vi­tät des Dor­fes.  Im länd­li­chen Raum sind und waren vie­le Gast­be­trie­be mit einem Fest­saal oder mit einer Kegel­bahn aus­ge­stat­tet. Auch die Kom­bi­na­ti­on mit Pen­si­on- und Hotel­be­trieb sind und waren bei uns weit ver­brei­tet. 

Eine Dorf­knei­pe dien­te nicht nur zum Essen und Trin­ken , sie war und ist eine Nach­rich­ten­bör­se, ein sozia­ler Kno­ten­punkt und ein Baro­me­ter für das Wohl­erge­hen des Dor­fes. Die Ver­än­de­rung des Kon­sum­ver­hal­tens auf­grund eines Wan­dels des Frei­zeit- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ver­hal­tens (inklu­si­ve der Kon­kur­renz durch Fern­se­hen, Inter­net, Smart­phones und den sport­li­chen Akti­vi­tä­ten) sowie der Arbeits- und Wohn­ver­hält­nis­se, stel­len die Alt­be­trie­be vor gro­ße Her­aus­for­de­run­gen. Die Ansprü­che der Gäs­te an Ange­bots­brei­te, ‑tie­fe und ‑qua­li­tät sowie Platz­an­ge­bot und Raum­ge­stal­tung sind sehr groß gewor­den. Im Gegen­satz dazu sind aktu­ell die Pfäl­zer­wald Hüt­ten ein Besu­cher­ma­gnet in unse­rer Regi­on. Die Ver­bin­dung mit sport­li­cher Akti­vi­tät ‑sprich Wan­dern- und das rus­ti­ka­le Ambi­en­te sowie die  preis­güns­ti­ge Ver­pfle­gung am „Ziel­ort“ locken sehr vie­le Fami­li­en und mitt­wochs auch die Rent­ner an. Eine Bevöl­ke­rungs­be­fra­gung zeig­te aber auch, dass eine deut­li­che Mehr­heit der Befrag­ten die Bei­trä­ge des Gast­ge­wer­bes zum sozia­len Zusam­men­halt erkennt, die­se wür­digt und wert­schätzt. Gut so für unse­re heu­ti­gen Gas­tro­no­men.

Die frü­hen Jah­re ‑Gast­stät­ten für Durch­rei­sen­de (1464 bis 1797) 

Erst mit der Ertei­lung der Schutz­vog­tei über das Klos­ter Lim­burg kamen die Lei­nin­ger 1205 in unse­re Regi­on und began­nen mit dem Burg­bau der Har­ten­burg, Als  die Har­ten­burg 1317/18  Resi­denz der Gra­fen von Lei­nin­gen-Har­ten­burg wur­de, wuchs noch­mals der Bedarf an Arbeits­kräf­ten — Fuhr­leu­te, Kut­scher, Boten­gän­ger, Trei­ber für die Jagd sowie Stein­bruch- und Bau­ar­bei­ter an, die sich mit ihren Fami­li­en unter der Burg ansie­del­ten. Um 1480 wur­de damit begon­nen, die Har­ten­burg zur mäch­ti­gen Schloss- und Fes­tungs­an­la­ge aus­zu­bau­en. Die­ses Pro­jekt, das sich über meh­re­re Gene­ra­tio­nen bis etwa um 1580 hin­zog, sorg­te dafür, dass sich im Tal noch mehr „Fach- und Hilfs­kräf­te“ nie­der­lie­ßen. Den Bewoh­nern gewähr­te der Graf von Lei­nin­gen damals in einem soge­nann­ten Weis­tum – einer Bestä­ti­gung bestehen­der, meist alt­her­ge­brach­ter Rech­te – unter ande­rem auch ihre Rech­te zur Wald­nut­zung. Im Gegen­zug muss­ten sie dem Gra­fen Fron­diens­te leis­ten. 

Einen der wich­tigs­ten Ver­kehrs­ver­bin­dung durch den Pfäl­zer­wald ver­lief durch das Ise­n­ach­tal. Hier besa­ßen die Lei­nin­ger Gra­fen Geleit­rech­te. Sie durf­ten Chaus­see-Geld kas­sie­ren und muss­ten im Gegen­zug dafür die Sicher­heit der Durch­rei­sen­den gewähr­leis­ten und die Wege in Ord­nung hal­ten. 

Im Lei­nin­gen-Har­ten­bur­ger Weis­tum wird auch eine Bann­müh­le um 1460 erwähnt, die am Fuße der Har­ten­burg, heu­ti­ges Säge­werk Karl Becker, errich­tet war. Dies bedeu­te­te, dass die Lei­nin­ger Orte Lei­stadt, Herx­heim a.B. und Wei­sen­heim a.B. ihr Getrei­de in Har­den­burg mah­len las­sen muss­ten. 

Der Fuhr-Ver­kehr und die flie­gen­den Händ­ler stell­te für die Bevöl­ke­rung somit einen wich­ti­gen Wirt­schafts­fak­tor dar.  Infol­ge des­sen ent­stand 1464, urkund­lich erwähnt, ein „Wirts­haus im Tal“, lei­der ohne den kon­kre­ten Hin­weis auf den Stand­ort.

Die ers­te Har­den­bur­ger Gast­stät­te „Grü­ner Baum“ , die 1646 eröff­ne­te und bis zum Abbrand 1916 auf fast 300 Jah­re Wirt­schafts­be­trieb zurück blick­te; ist bis heu­te uner­reicht. Was hat die­ser Ort nicht alles erlebt. Wel­che Schick­sa­le und Ereig­nis­se spiel­ten sich wohl in die­sem Gast­haus ab. Vor allem aber kann man davon aus­ge­hen, dass der Grü­ne Baum für Gene­ra­tio­nen ein wich­ti­ger Anlauf­punkt über die Jahr­hun­der­te wur­de.

Als Stand­ort konn­te die heu­ti­ge evan­ge­li­sche Kir­che fest­ge­macht wer­den. Bis zur Eröff­nung der nächs­ten Gas­stät­te „Zum Hirsch“ im Jahr 1797 ist viel mit den Leu­ten im Tal, so die alte Bezeich­nung für die­se Bewoh­ner, pas­siert. Nach dem Bau­ern­krieg 1525 gab es in Fol­ge den 30 jäh­ri­gen Krieg, den Nie­der­län­di­schen (Hol­län­di­schen) Erb­fol­ge­krieg, den Reuni­ons­krieg, den Pfäl­zi­schen Erb­fol­ge­krieg sowie den Spa­ni­schen Erb­fol­ge­krieg. Das bedeu­te­te, dass zwi­schen 1618 bis 1714 eine äußerst schwie­ri­ge Zeit für die Bewoh­ner vor­lag. Nur mit­hil­fe des Wal­des konn­ten die ver­blie­be­nen Bewoh­ner über­le­ben.

Der Wald lie­fer­te Bau- und Brenn­holz, Vieh­fut­ter, Streu­sel für den Stall ‑der spä­ter als Mist auf die Äcker gebracht wurde‑, Ess­ba­res wie Buch­eckern, Ess­kas­ta­ni­en, Pil­ze, Hei­del­bee­ren, sau­be­res Trink­was­ser und dien­te als Wald­wei­de. Bei Plün­de­rungs­ge­fahr konn­ten sich die Men­schen mit ihrem Vieh im Wald ver­ste­cken.

Man geht davon aus, dass nur etwa 20% der Bevöl­ke­rung in der Graf­schaft Lei­nin­gen und in der Kur­pfalz die­se Kri­sen­zeit über­lebt haben. Mit der Auf­nah­me von Glau­bens­flücht­lin­gen aus der Schweiz, Tirol, Frank­reich und den Nie­der­lan­den hol­te man „fri­sches Blut“ ins Land. Die Lei­nin­ger Gra­fen Johann Fried­rich (1661–1721) und Fried­rich Magnus (1703–1756) lie­ßen u.a. die Wald­sied­lun­gen Weil­a­cher Hof (1381–1790), den Stü­ter­hof ( 1516- 1818) und  den Pfaf­fen­tha­ler Hof (1727 ‑1797) neu anle­gen bzw. erwei­tern. 

Die land­wirt­schaft­li­che Nut­zung war eine müh­se­li­ge Arbeit auf den ertrags­ar­men und san­di­gen Böden. Die Wald­nut­zung war und blieb ein wich­ti­ger Bestand­teil für den Lebens­un­ter­halt in den Wald­sied­lun­gen und im Dorf. 

Zudem för­der­ten die Gra­fen aus wirt­schaft­li­chen Grün­den die Ansied­lung von Indus­trie im Ise­n­ach­tal, um u. a. die Aus­wan­de­rung, der nach Arbeit suchen­den Leu­te, zu stop­pen.

Hier­zu wur­de die Was­ser­kraft der Isen­ach zum Betrieb der Müh­len nutz­bar gemacht. Jeder, der ein Gewer­be­be­trieb begin­nen woll­te, muss­te sich die Zustim­mung des Gra­fen ein­ho­len. Die­ser ließ dann einen Erb­stands­brief mit allen Anfor­de­run­gen und Bedin­gun­gen erstel­len.

1675 ent­stand eine Pul­ver­müh­le auf dem ehem. Buchertschen Gelän­de, 1704 das Gro­ße Ham­mer­werk auf dem heu­ti­gen Wohn­ge­biet „Unter der Har­den­burg“, 1707 die Pic­card Bord­müh­le ‑heu­te: Restau­rant 7 Raben‑, 1708 im Kirsch­tal eine Glas­hüt­te. Unter der Burg ent­stand 1717 kurz­zei­tig eine Por­zel­lan­fa­brik. Im Jahr 1731 folg­te eine Schmelz­hüt­te ‑heu­te: Die Alte Schmelz‑, 1735 wur­de die Pul­ver­müh­le durch das Klei­ne Ham­mer­werk ersetzt und 1737 eine Papier­fa­brik (heu­te: LENK paper Schlei­pen GmbH) gebaut. Durch die­se struk­tu­rel­len und wirt­schaft­li­chen Maß­nah­men in der ers­ten Hälf­te des 18. Jahr­hun­derts expan­dier­te die Bevöl­ke­rung. Von 90 Bewoh­ner am Ende des 30 jäh­ri­ger Krieg auf 240 Bewoh­ner im Jahr 1744.

Schon 1690 belegt die Erwäh­nung eines Schult­hei­ßens die Exis­tenz einer Gemein­de mit dem Namen Har­den­burg. Der ers­te Bür­ger­meis­ter wird 1738 in den Doku­men­ten erwähnt. 

Mit dem regel­mä­ßi­gen Post­kut­schen­dienst ab 1739 zwi­schen Frankfurt/M. über Mann­heim nach Metz durchs Ise­n­ach­tal folg­te die nächs­te Stär­kung der Infra­struk­tur.

Mit dem  Krieg  zwi­schen dem revo­lu­tio­nä­ren Frank­reich und einer Koali­ti­on euro­päi­scher Staa­ten unter der Füh­rung Öster­reich und Preu­ßen, kamen im Febru­ar 1793 die fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­ons­trup­pen nach Dürk­heim. Der Fürst zu Lei­nin­gen flüch­te­te dar­auf­hin mit sei­ner Fami­lie nach Mann­heim. Mit dem Frie­dens­ab­kom­men von 1797 wur­de die links­rhei­ni­sche Pfalz de fac­to Fran­zö­sisch. Danach trat eine „Kon­so­li­die­rung“ der Ver­hält­nis­se ein.

In die­ser Gemenge­la­ge wird 1797 das Gast­haus und Pen­si­on „Zum Hirsch“  eröff­net.

Eine Kern­bot­schaft kön­nen wir somit ablei­ten. Wo Gast­stät­ten ent­ste­hen oder über Jahr­zehn­te bestehen, ist Frie­den und eine gute wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung abseh­bar. Die Gast­stät­ten waren in Har­den­burg ein wich­ti­ger Hin­weis dar­auf, wie gut oder wie schlecht es der Bevöl­ke­rung ins­ge­samt ging. 

Die Blü­te­zeit ‑als Har­den­burg wuchs (1797 bis 1914) 

Ein Zei­chen für Frie­den war die Neu­eröff­nung der Gast­stät­te „Zum Hirsch“. Ein Sym­bol für einen Neu­an­fang unter dem Code Civil, ein Gesetz­buch, das Napo­le­on Bona­par­te 1804 geschaf­fen hat. Im Okt.1804 kam Kai­ser Napo­le­on bei sei­ner Rei­se von Fran­ken­thal nach Kai­sers­lau­tern auch durch Har­den­burg.

Im Frie­dens­ver­trag von 1801 wur­den alle links­rhei­ni­schen Gebie­te Frank­reich zuge­spro­chen. Nach der admi­nis­tra­ti­ven Neu­ord­nung gehör­te der Kan­ton Dürk­heim zum Dépar­te­ment Don­ners­berg mit Sitz in Mainz. Das Lei­nin­gen-Har­ten­bur­ger Fürs­ten­haus wur­de, wie sie sicher­lich wis­sen, im Oden­wald mit den ehe­ma­li­gen Güter des säku­la­ri­sier­ten Klos­ters Amor­bach von Napo­le­on ent­schä­digt. Sämt­li­che Besitz­tü­mer von Adel und Kir­che wur­den damals zuguns­ten der fran­zö­si­schen Staats­kas­se ver­stei­gert, auch die Rui­ne Har­ten­burg. Die Har­den­bur­ger konn­ten aber ihre Wald­rech­te eini­ger­ma­ßen unge­stört wei­ter aus­üben. Da Frank­reich 1800 die all­ge­mei­ne Wehr­pflicht ein­ge­führ­te, muss­ten die wehr­fä­hi­gen Män­ner aus Dürk­heim und Har­den­burg für Napo­le­on in den Krieg zie­hen. Bei der letz­ten gro­ßen Schlacht bei Water­loo am 18. Juni 1815 ver­lor Napo­le­on end­gül­tig gegen sei­ne Haupt­geg­ner und muss­te abdan­ken.

Mit dem Wie­ner Kon­gress 1814/1815 ‑unter Füh­rung von Kle­mens Fürst von Met­ter­nich (1773–1859)-  wur­de Euro­pa neu auf­ge­teilt und die Pfalz wur­de Bay­ern zuge­schla­gen. Trotz des Hun­ger­jahrs 1816, das durch einen gro­ßen Vul­kan­aus­bruch in Indo­ne­si­en aus­ge­löst wur­de, schritt die wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung wei­ter vor­an, auch in Har­den­burg.

Die Wald­gast­stät­te „Alte Schmelz“ eröff­ne­te 1820 ihren Schrank­be­trieb. Die Arbei­ter und die Fuhr­leu­te waren froh über einen neu­en Treff­punkt im Tal. 

Die Anzahl der benö­tig­ten  Arbeits­kräf­te stieg mit der Auf­nah­me der Papier­pro­duk­ti­on in der Papier­fa­brik Cor­dier im Jahr 1826 wei­ter an. Wie im Har­den­bur­ger Buch von Hans Zachert auf­ge­führt leb­ten um 1820, ins­ge­samt 310 Per­so­nen in Har­den­burg.

Wäh­rend der fran­zö­si­schen Zeit hat­te man sich in der Pfalz an libe­ra­le­re Ver­hält­nis­se „gewöhnt“, die Bay­ern im Grund­satz bei­zu­be­hal­ten ver­spro­chen hat­te. Ange­sichts der offen­sicht­li­chen Not­stän­de nah­men sich die „Libe­ra­len“ auch der Pro­ble­me der Bevöl­ke­rung an. Mit dem Pres­se- und Zei­tungs­we­sen ent­stand ein Ver­brei­tungs­sys­tem, mit des­sen Hil­fe man dem Unmut durch Ver­öf­fent­li­chung ent­spre­chen­der Arti­kel auch Aus­druck und Nach­druck ver­lei­hen konn­te. 

Am 27. Mai 1832 fand – trotz eines ent­spre­chen­den Ver­bo­tes – das „Ham­ba­cher Fest“ mit etwa 25.000 Teil­neh­mern statt. Anfüh­rer der Dürk­hei­mer Win­zer war Johan­nes Fitz (1796–1868). Die Ursa­chen für das Ham­ba­cher Fest lagen aber nicht nur in der schwie­ri­gen wirt­schaft­li­chen Situa­ti­on. Viel­mehr ver­band man poli­ti­sche For­de­run­gen nach mehr Frei­heit und Gerech­tig­keit damit.

In Har­den­burg kam es 1838 zu gro­ßen Strei­tig­kei­ten mit den staat­li­chen Forst­be­am­ten um die Nut­zung der Wald­rech­te. Infol­ge des­sen die Har­den­bur­ger Bür­ger ab Janu­ar 1839 die Wald­rech­te ver­lo­ren. Erst 1851 konn­te die ein­ge­reich­te Kla­ge gegen den baye­ri­schen Staat end­gül­tig gericht­lich geklärt wer­den, und die Har­den­bur­ger ihre Wald­rech­te wie­der nut­zen. Es dau­er­te bis 1865, um gericht­lich die Ent­schä­di­gungs­sum­me zu erstrei­ten.

Umso erstaun­li­cher ist es, dass trotz der wirt­schaft­lich und sozi­al pre­kä­ren Ver­hält­nis­se die 81 Har­den­bur­ger Fami­li­en im Jahr 1865 beschlos­sen, sich das ihnen zuste­hen­de Geld nicht aus­zah­len zu las­sen, son­dern es der Gemein­de für struk­tu­rel­le Ver­bes­se­run­gen zur Ver­fü­gung zu stel­len. 

Die baye­ri­sche Ver­wal­tung hat trotz der erheb­li­chen Ein­schrän­kun­gen die Erschlie­ßung neu­er land­wirt­schaft­li­cher Flä­chen am Win­ters­berg und in der Bet­tel­del­le, zur Pacht von Par­zel­len an Bür­gern, auf den Weg gebracht (Obe­res und Unte­res Gais­tal, Fried­hofs­weg, Klau­s­tal).

Die bekann­ten lei­nin­gi­schen Wald­sie­de­lun­gen waren in die­ser Zeit bereits ver­schwun­den. Außer der Bewirt­schaf­tung der Acker­flä­che um das Hof­gut Weil­ach, das 1790 durch „Räu­ber­ban­den“ zer­stört und nicht mehr auf­ge­baut wur­de, sowie das bereits 1797 auf­ge­las­se­ne Pfaf­fen­ta­ler Hof­gut waren nicht mehr vor­han­den. Auch die Sied­lung Stü­ter­hof, deren letz­ten Bewoh­ner 1818 von der baye­ri­schen Ver­wal­tung zwangs­ge­räumt wur­de, ver­schwand. 

In allen Not­zei­ten waren aber auch die land­wirt­schaft­li­chen Flä­chen für vie­le Fami­li­en über­le­bens­not­wen­dig. Ohne die Win­ter­vor­rä­te, aus den „Gemü­se­gär­ten“ mit Obst, Kar­tof­feln, Getrei­de und Gemü­se (Weiß- u. Rot­kohl, Möh­ren usw.) wäre noch grö­ße­rer Hun­ger die Fol­ge gewe­sen.

Noch heu­te kann man rund um Har­den­burg die Sand­stein­mau­ern, die die Hang­flä­chen in sog. Sche­mel unter­teil­ten, noch  erken­nen. Die Natur hat mitt­ler­wei­le fast alle Flä­chen wie­der erobert.

Geo­gra­phisch und geo­lo­gisch bedingt war der Beruf der Steinmetze/ Stein­hau­er in Har­den­burg ein nach­ge­frag­tes Hand­werk. Stein­hau­er war ein Beruf, der ein hohes Anse­hen genoss. Mit dem ers­ten bekann­ten Stein­bruch am Schloss­berg wur­de das Har­den­bur­ger Forst­haus 1856 gebaut. Seit 1996 dient das Gebäu­de als Sitz des Forst­am­tes Bad Dürk­heim. 

Ab 1860 kamen wei­te­re Stein­brü­che dazu, die soweit abge­baut wur­den, dass Ende des 19. Jahr­hun­derts Häu­ser in die frei gewor­de­nen Flä­che gebaut wer­den konn­ten.

Begin­nend vom west­li­chen Rand Har­den­burgs  bei Fami­lie Schmidt/Exner, den Bereich links und rechts der ehem. Bäcke­rei Georg Rit­ter, am Ein­gang zum Obe­ren Gais­tal , im Obe­ren Gais­tal und am Ein­gang zum Unte­ren Gais­tal lagen die „Abruch­stel­len“. Der Sand­stein Bedarf am Anfang des 20. Jahr­hun­derts war sehr groß. Ins­be­son­de­re in den auf­blü­hen­den Städ­ten Lud­wigs­ha­fen, Mann­heim, Spey­er und Land­au (1920, Spar­kas­se mit Sand­stei­nen aus Har­den­burg) gab es eine rege Nach­fra­ge. 

Im Stein­bruch Unte­res Gais­tal kam es 1892 zu einem hef­ti­gen Fels­sturz bei dem fünf Stein­hau­er ums Leben kamen.

Zu deren Geden­ken erin­nert eine Grab­ste­le auf dem Har­den­bur­ger Fried­hof dar­an. 

In den Win­ter­mo­na­ten wur­de nach Mög­lich­keit im Wald gear­bei­tet, da die Arbeit im Stein­bruch ruh­te und somit kein Lohn in die Fami­li­en­kas­se kam. Die letz­te bekann­te Stein­bruchs Arbeit im „Stein­bruch Karch“ erfolg­te 1965 mit der Her­stel­lung des Altars für die neue kath. Kir­che von Oskar Schmidt.

Am Rast­platz „Her­ren­brun­nen“ in der Sei­ler­bahn ist der ehem. Altar als „Stein­tisch“ heu­te zu bewun­dern. 

Eine wei­te­re Papier­fa­brik, die Obe­re Papier­müh­le ‑der Stand­ort wird heu­te im Sprach­ge­brauch als „Rote Häu­ser“ bezeichnet‑, wur­de 1841 in die „Unte­re Papier­müh­le“ (Schlei­pen) ein­ge­glie­dert. Eine Bord­müh­le neben der Alten Schmelz wur­de 1854 errich­tet, da es wei­te­ren Bedarf an Holz­bret­tern in der Regi­on gab.

Mit dem Deutsch-Fran­zö­si­sche Krieg von 1870/71, des­sen  Aus­lö­ser war der Streit zwi­schen Frank­reich und Preu­ßen um die spa­ni­sche Thron­kan­di­da­tur des Prin­zen Leo­pold von Hohen­zol­lern-Sig­ma­rin­gen, herrsch­te wie­der Unru­he im Land.  Die wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung im Ise­n­ach­tal blieb jedoch nicht ste­hen und eine wei­te­re Säge­müh­le, das Säge­werk „Assel“, nahm 1874 ihren Betrieb auf. Mit dem erhöh­ten Bedarf an Arbeits­kräf­ten in den Müh­len und bei der Holz­ab­fuhr kam es auch dazu, dass ein klei­ner Aus­schank „Zum Sau­pferch“ 1885 eröff­ne­te.

Eini­ge Jah­re spä­ter kamen das Forst­haus Weil­ach (ab 1887 bis 1996) und das Forst­haus Kehr­dich­an­nichts (um 1890 bis 1990; erbaut ab 1707) dazu. Drei neue Wirts­häu­ser inner­halb weni­ger Jah­re – es waren wirt­schaft­lich gute Zei­ten in Har­den­burg. 

Die Nach­fra­ge nach Ein­kehr­mög­lich­kei­ten war unge­bro­chen groß, so dass die Gast­stät­te  „Zur Har­den­burg“ um 1890,

die Gast­stät­te „Zur Lin­de“ und die Gast­stät­te „Zum Brun­nen“ um 1900 eröff­nen konn­ten. Der „Brun­nen“ zog schon 1915 auf die gegen­über­lie­gen­de Stra­ßen­sei­te in einen Neu­bau ein.

Die hohe Gast­h­aus­dich­te ist einer­seits den sehr vie­len Fuhr­leu­ten und Durch­rei­sen­den als auch der wach­sen­den Ein­woh­ner­zahl, mit ca. 630 Per­so­nen, im Dorf geschul­det. Die Wirts­häu­ser waren neben der 1867 ein­ge­rich­te­ten Wasch­kü­che ein wich­ti­ger sozia­ler Treff­punkt im Gemein­de­le­ben.

Eben­so die bei­den Strauß­wirt­schaf­ten Ham­mergret (um 1910 bis 1938; beim ehem. Säge­werk Buchert) und die Strauß­wirt­schaft Adam Ber­ger (um 1920 bis 1950; heu­te Haus der Fam. Kiech­le).  

Der hier­für benö­tig­te Wein, meist Rot­wein, kam vom Win­ters­berg. Der Anbau erfolg­te dort bereits ab dem 16. Jahr­hun­dert. Doku­men­tiert in einem Brief­wech­sel des Gra­fen zu Lei­nin­gen mit dem Lim­bur­ger Abt von 1542. Der Graf beschwer­te sich über die seit län­ge­rem aus­ste­hen­den Lie­fe­run­gen von Stall­mist für die Wein­ber­ge. Der Rot­wein war sehr gehalt­voll und farb­in­ten­siv, aber die Erträ­ge auf Grund der Boden­ver­hält­nis­se lei­der sehr gering. Des Wei­te­ren war die Zuwe­gung in der mecha­ni­sier­ten Zeit  sehr schwie­rig und nicht für grö­ße­re Bear­bei­tungs­ge­rä­te geeig­net. Fri­sör­meis­ter Die­ter Wolf gab den letz­ten ver­blie­be­nen Wein­berg auf dem Win­ters­berg um 1978 auf.

Das Ver­eins­le­ben in Har­den­burg begann mit der Grün­dung eines Arbei­ter-Gesangs­ver­eins 1866. Die dazu­ge­hö­ri­ge Ver­eins­fah­ne stammt aus dem Jahr 1889! Der Sän­ger­bund folg­te als bür­ger­li­cher Gesangs­ver­ein 1925. Bei­de Fah­ne von 1889 und 1929 sind im Stadt­mu­se­um in Bad Dürk­heim seit Juni 2024 fach­ge­recht, bis zum nächs­ten „Ein­satz“, ein­ge­la­gert. 

Im Har­den­bur­ger Buch von Hans Zachert sind auch Gruß­post­kar­ten aus Har­den­burg mit Post­stem­pel von 1898 abge­bil­det, die zei­gen, dass bereits zu die­ser Zeit eine klei­ne tou­ris­ti­sche Bele­bung in Har­den­burg ein­setz­te.

Es ist belegt, dass der bekann­te Jugend- und Rei­se­schrift­stel­ler Karl May 1897 im Hirsch über­nach­te­te. In einer Zei­tungs­an­zei­ge von Her­mann Schmid, Gast­haus und Pen­si­on „Zum Hirsch“, wird 1903 für den Luft­kur­ort Har­den­burg Wer­bung gemacht. 

Die Gast­stät­ten als sozia­ler Kit 

In der Hoch­pha­se um 1910 gab es 7 Gast­stät­ten und 1 Strauß­wirt­schaft für 696 Har­den­bur­ger Bür­ger. So eine hohe Kon­zen­tra­ti­on an Gast­stät­ten in so einem klei­nen Dorf, aus heu­ti­ger Sicht unvor­stell­bar. Die Har­den­bur­ger müs­sen sehr gesel­li­ge Bür­ger gewe­sen sein, die ger­ne ihre knap­pe Frei­zeit in den Gast­wirt­schaf­ten ver­brach­ten. Eini­ge Bür­ger sol­len  sich gele­gent­lich ihren Frust über den beschwer­li­chen All­tag  abends hin­ter die Bin­de gos­sen haben, oder ihren Tag­lohn „flüs­sig“ gemacht haben. Denn ein Arbeits­tag war zwi­schen 10 bis 12 Stun­den lang. Nicht zu ver­ges­sen die sehr vie­len Fuhr­leu­te die durch das Ise­n­ach­tal muss­ten. Es wird berich­tet, dass die Pfer­de den Heim­weg manch­mal bes­ser kann­ten als der Kut­scher, der stark ange­trun­ken auf dem Bock saß.

Die Säle in den Gast­stät­ten „Zur Lin­de“ und „Zur Har­den­burg“ waren wert­vol­le Räum­lich­kei­ten um Hoch­zei­ten und Fes­te fei­ern zu kön­nen. Unter der Woche nutz­te der 1906 gegrün­de­te All­ge­mei­ne Sport­ver­ein (ASV) die Säle für die Turn­stun­den, der Gesangs­ver­ein für sei­ne Gesangs­stun­den. In den Mit­tags- und Abend­stun­den kehr­ten die Fuhr­leu­te und die „Arbei­ter“ ein. Der Frem­den­ver­kehr hin­ge­gen war immer noch ein zar­tes „Pflänz­chen“. Gast­stät­ten hat­ten vor allem Arbei­ter und Ein­woh­ner zu Gast, auch das spricht für die sozia­le Bedeu­tung die­ser Orte für das Gemein­we­sen.

Mit der 1865 eröff­ne­ten Eisen­bahn­ver­bin­dung von Neu­stadt nach Dürk­heim und mit der 1913 fol­gen­den Stra­ßen­bahn von Mann­heim nach Bad Dürk­heim  ‑Bad seit 1904- war die Regi­on nun bes­ser ver­netzt. 

Das kul­tu­rel­le Leben wur­de mit der Grün­dung der „Som­mer­fest­spie­le Bad Dürk­heim, Lim­burg und Har­den­burg“ durch Rosa Maas im Jahr 1909 aus dem Dorn­rös­chen­schlaf geris­sen und die alte Tra­di­ti­on der Thea­ter­auf­füh­run­gen der Gra­fen zu Lei­nin­gen im 18.Jahrhundert fort­ge­setzt. Unter der Herr­schaft des Natio­nal­so­zia­lis­mus wur­de von 1936 bis 1939 eben­falls Thea­ter­stü­cke auf der Har­den­burg auf­ge­führt.

Mit einem Kiosk in der Fin­ken­del­le (bis 1962) und einer Som­mer­wirt­schaft auf dem Lin­den­platz, heu­ti­ge Lin­den­klau­se (bis 2024), wur­den die Thea­ter-Besu­cher und Wan­de­rer „ver­pflegt“.  Der Lin­den­platz wur­de auch zur Aus­übung von Leicht­ath­le­tik­dis­zi­pli­nen vom ASV und der Volks­schu­le genutzt. 

Die Wer­be­an­zei­ge der Har­den­bur­ger Gas­tro­no­men von 1937 zeigt ein­drucks­voll das gas­tro­no­mi­sche Ange­bot.

Mit dem Beginn der Elek­tri­fi­zie­rung Anfang des 20. Jahr­hun­derts ver­än­der­te sich auch die Indus­trie­land­schaft. Aus der ehe­ma­li­gen  Bann­müh­le von 1460, die mitt­ler­wei­le zu einer Holz­sä­ge­müh­le, heu­ti­ges Säge­werk Karl Becker, umge­baut wur­de, folg­te um 1910  die Umstel­lung auf elek­tri­sche Ener­gie, die durch eine mit Was­ser­kraft ange­trie­ben Tur­bi­ne erzeugt wur­de. Mit Münz­zäh­lern für den Strom­be­zug konn­ten sich Pri­vat­leu­te Strom vom Säge­werk kau­fen.

Sobald das Geld auf­ge­braucht war wur­de es „Dun­kel“ im Haus. Falls noch Geld vor­han­den war, konn­te man den Zäh­ler wie­der „füt­tern“, andern­falls musst man sich mit Ker­zen­licht begnü­gen. Das öffent­li­che Strom­netz kam erst um 1930.

Der „Lei­nin­ger Hof“, ein Hotel und Wein­haus, eröff­ne­te 1911 sei­nen Betrieb. Erst nach dem 2. Welt­krieg soll­ten wei­te­re Gast­häu­ser eröff­net wer­den.

Wald­rech­te und Über­le­bens­ort in Not­zei­ten 

Wie lebens­wich­tig die Wie­der­erlan­gung der Wald­rech­te war, zeigt sich wie­der deut­lich in den fol­gen­den Not­zei­ten von 1914 bis etwa 1960. Im Ver­lauf des Ers­ten Welt­krie­ges (1914–1918) wur­de die Ver­sor­gungs­la­ge mit Nah­rungs­mit­teln bereits ab dem Jahr 1915 in Deutsch­land so schlecht, dass Lebens­mit­tel­kar­ten ein­ge­führt wer­den muss­ten.

Die Män­ner, die im Krieg waren, fehl­ten zuhau­se bei der täg­li­chen Arbeit, Frau­en und Kin­der muss­ten die Arbeit teil­wei­se über­neh­men. 

Von 1918 bis 1930 war die Pfalz aller­dings eine fran­zö­si­sche Besat­zungs­zo­ne. Frank­reich ließ in der Pfalz sehr vie­le Wäl­der als Repa­ra­ti­ons­leis­tun­gen abhol­zen. Die wirt­schaft­li­che und poli­ti­sche Kri­se der Nach­kriegs­zeit führ­te im Jahr 1923 zu einer enor­men Geld­in­fla­ti­on. Städ­te, Bezir­ke und Fir­men stell­ten Not­geld­schei­ne aus. 1929 kam es zur Welt­wirt­schafts­kri­se. In den fol­gen­den Jah­ren gab es über 6 Mil­lio­nen Arbeits­lo­se. Dies begüns­tig­te die Macht­er­grei­fung der Natio­nal­so­zia­lis­ten im Jahr 1933. 

Das Ver­eins­le­ben wur­de 1935 mit dem neu gegrün­de­ten Hei­mat­ver­ein Har­den­burg ‑frü­her Hei­mat- und Ver­kehrs­ver­ein Har­den­burg- berei­chert, der als Ver­eins­zweck die För­de­rung von Kul­tur, Hei­mat­pfle­ge und Hei­mat­kun­de sowie das tra­di­tio­nel­le Brauch­tum in sei­ner Sat­zung fest­ge­schrie­ben hat. Unser Ver­ein küm­mert sich somit seit 90 Jah­ren um die­se Auf­ga­ben.

Auch im Zwei­ten Welt­krieg wur­den wie­der Lebens­mit­tel­mar­ken benö­tigt. In die­sen schlim­men Zei­ten waren für die Har­den­bur­ger die Nut­zung ihrer Wald- und Wei­de­rech­te wie­der ein­mal über­le­bens­wich­tig. Dem Kriegs­en­de folg­te zu aller Not 1946/1947 der käl­tes­te Win­ter des 20. Jahr­hun­derts in Deutsch­land mit bis zu ‑25 Grad Cel­si­us ‑ein Hun­ger­win­ter-. 

Ohne den Wald, die Gemü­se­gär­ten und die Dorf-Gemein­schaft wäre nie­mand durch­ge­kom­men. Die Gast­stät­ten waren hilf­reich als ein Ort, wo man sich half, aus­tausch­te und orga­ni­sier­te. Ein unver­zicht­ba­rer Ort für die Bewoh­ner und Gäs­te. 

In der Fol­ge­zeit kamen Flücht­lin­ge aus dem Osten Deutsch­lands auch nach Har­den­burg und lie­ßen sich hier nie­der. Auch in den Jah­ren danach blieb die Wald­nut­zung noch wich­ti­ger Bestand­teil der Ver­sor­gung für die Bevöl­ke­rung.

Die Fami­li­en lie­ßen ihr Holz meist von Har­den­bur­ger Fuhr­leu­ten mit Pfer­de­fuhr­wer­ken aus dem Wald holen und anschlie­ßend auf einer mobilen/fahrbaren Säge­ma­schi­ne zuschnei­den.

Als wirt­schaft­lich segens­reich für Har­den­burg erwies es sich, dass mit der Fir­ma Buchert ein gro­ßer holz­ver­ar­bei­ten­der Betrieb direkt am Ort ansäs­sig war. Nach dem Ende des Zwei­ten Welt­kriegs 1945 stell­te der Betrieb zunächst Holz­ba­ra­cken und Holz­häu­ser her.

Nach einem Groß­brand 1953 stell­te man die Pro­duk­ti­on auf die Her­stel­lung von Holz­tü­ren um. Die Fir­ma bot damals Arbeits­plät­ze für 300 Per­so­nen (Män­ner und Frau­en, dar­un­ter vie­le Har­den­bur­ger und etwa 30 Gast­ar­bei­ter, ins­be­son­de­re Öster­rei­cher, Spa­ni­er und Por­tu­gie­sen. Wei­te­re Arbeits­plät­ze gab es bei den Papier­fa­bri­ken Schlei­pen

und Cor­dier, den Säge­wer­ken Becker und Assel sowie

bei der Kai­ser­de­cken­pro­duk­ti­on am ehem. „Gro­ßen Ham­mer­werk“.

Eine wirt­schaft­li­che Blü­te­zeit in Har­den­burg.

Der Auf­schwung in den 50er Jah­ren zeig­te sich auch mit der Eröff­nung der Gast­stät­te „Waldschlöss‘l“ 1954 und der Gast­stät­te „Zum Schwal­ben­nest“ 1959.  Mit der Besied­lung vom Eichen­platz wur­de Wohn­raum für die wach­sen­de Bevöl­ke­rung geschaf­fen, der im engen Dorf­kern nicht mehr mög­lich war.

Die kath. St. Kon­rad­ska­pel­le am Schloss­berg wur­de zu klein, sodass 1965 das Bis­tum Spey­er die katho­li­sche Kir­che St. Eli­sa­beth errich­te­te, die bis 2013 den Men­schen als Got­tes­haus dien­te. Die pro­tes­tan­ti­sche Kir­che war bereits 1952 gebaut wor­den. 

Der Wunsch der Har­den­bur­ger, das Thea­ter­spiel wie­der auf­le­ben zu las­sen, blieb stets bei der Bevöl­ke­rung bestehen. Mit Hil­fe einer Inter­es­sen­ge­mein­schaft vom Land­kreis Neustadt/W., der Stadt Bad Dürk­heim und der Gemein­de Har­den­burg sind die Vor­aus­set­zun­gen dafür auf der Burg­an­la­ge geschaf­fen wor­den. Am 01.06.1952 glück­te die 1. Pre­mie­ren­ver­an­stal­tung mit „Ham­let“ von Wil­liam Shake­speare auf­ge­führt vom Pfalz­thea­ter Kai­sers­lau­tern. Eine neu gegrün­de­te Lai­en­spiel­grup­pe des Har­den­bur­ger Hei­mat- und Ver­kehrs­ver­ein unter der Lei­tung des Volks­schul­leh­rers Hans Zachert führ­ten ab 1954 bis 1964 in der Som­mer­zeit erfolg­reich die ein­stu­dier­ten Thea­ter­stü­cke auf. Das hal­be Dorf enga­gier­te sich mit ehren­amt­li­chen Ein­satz für ein Gelin­gen der Ver­an­stal­tun­gen. Der Zusam­men­halt in der Schau­spiel­grup­pe brö­ckel­te Anfang der 60er Jah­re lang­sam aus­ein­an­der, der feh­len­de Nach­wuchs und ein ver­än­der­tes Frei­zeit­ver­hal­ten war hier­bei ein Pro­blem. Ein Wie­der­be­le­bungs-ver­such 1972 durch den ehem. Bgm. Alfred Heu blieb lei­der erfolg­los. 

Die Ver­eins­welt in Har­den­burg  wird seit 1958 mit dem neu gegrün­de­tem Vogel­schutz­ver­ein Har­den­burg erwei­tert, der den Bür­gern das Ver­ständ­nis unse­rer Tier- und Pflan­zen­welt ver­mit­telt.

Das gro­ße Ster­ben 

Die gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­run­gen set­zen, wie wir schon gehört haben, schlei­chend ein. Und die Gast­stät­ten waren dafür ein Lack­mus­test.

Ein ers­tes Warn­si­gnal für Har­den­burg war mit der Schlie­ßung der Gas­stät­te „Zur Har­den­burg“ 1959 zu ver­mer­ken. Dann fal­len sie wie Domi­no­stei­ne: die Lin­de 1975 , das Schwal­ben­nest 1986, der Lei­nin­ger Hof 1988, der Hirsch 1990 und der Brun­nen 2007, die letz­te Gast­stät­te im Dorf­kern. Wer von Ihnen erin­nert sich noch an den Brun­nen? Wer hat Eltern/Großeltern, die in einer der genann­ten Gast­stät­ten gefei­ert haben?

Par­al­lel ein­her gin­gen die Schlie­ßung von Bäcke­rei, Metz­ge­rei und Kolo­ni­al­wa­ren­lä­den. Als letz­tes Geschäft schloss 2007 Frau Ire­ne Koch ihren Tan­te Emma Laden. Ein wei­te­res Stück Hei­mat fand damit sein Ende. 

Immer mehr Bür­ger muss­ten ihren Lebens­un­ter­halt andern­orts ver­die­nen – eine bis heu­te nicht mehr umkehr­ba­re Ent­wick­lung. Har­den­burg hat sich zwi­schen­zeit­lich immer mehr zu einer rei­nen „Schlaf­stät­te“ für die Bewoh­ner ent­wi­ckelt! Das Dorf droht aus­ein­an­der­zu­fal­len.

Die Welt dreh­te sich in den 60/70 er Jah­ren sehr schnell. 

Ab den 1960er Jah­ren ging die Bedeu­tung von Brenn­holz für den Haus­brand mit dem Auf­kom­men von Öl- und Gas­öfen sehr stark zurück, eben­so die Wei­de­nut­zung zur Vieh­hal­tung, meist Zie­gen und die Bewirt­schaf­tung der land­wirt­schaft­li­chen Par­zel­len, die Gemü­se­gär­ten. Ich erin­ne­re mich, dass Ende der 80er Jah­re Fami­lie Walt­her den letz­ten bepflanz­ten Gemü­se­gar­ten in Har­den­burg ‑neben dem Anwe­sen Plechin­ger- auf­ga­ben.

Kaum ein Jahr­zehnt hat Deutsch­land so sehr geprägt wie die 60er Jah­re. Vie­le von Ihnen im Saal, so wie ich, waren dabei und kön­nen sich sicher­lich noch gut dar­an erin­nern.

Anti-Baby­pil­le, Beat­les

und Hip­pies ‑die 60ies waren eine Zeit der Unru­he, des Auf- und Umbruchs und der Ver­än­de­rung ‑ohne jedoch immer zu wis­sen, war­um und wohin Ver­än­de­rung eigent­lich hin­füh­ren soll­te-. Die­se Stim­mung ‑Wan­del um jeden Preis- zeig­te sich auch in einer Art modi­scher und kul­tu­rel­ler Revo­lu­ti­on. Die kon­ser­va­ti­ve Gesell­schafts­ord­nung sowie die als prü­de emp­fun­de­nen Moral­vor­stel­lun­gen der 50er Jah­re hat­ten aus­ge­dient. So kämpf­te die Jugend für poli­ti­sche, sozia­le und sexu­el­le Frei­heit. Mit Pro­test­songs san­gen u.a. die Beat­les gegen das Estab­lish­ment. Mehr denn je wur­de Indi­vi­dua­li­tät schon damals zu einem Wert. 1968 war es soweit –die Pro­test­wel­le kam welt­weit zu einem Höhe­punkt: Stu­den­tin­nen und Stu­den­ten gin­gen gegen den Viet­nam­krieg, die rigi­de Sexu­al­mo­ral und den nicht auf­ge­ar­bei­te­ten Natio­nal­so­zia­lis­mus auf die Stra­ße. Eine Fol­ge die­ser Zeit ist,  dass allein­er­zie­hen­de Eltern immer mehr zur Regel­fa­mi­lie wer­den und ins­be­son­de­re allein­ste­hen­de Frau­en im Alter von Alters­ar­mut betrof­fen sind. Das Ide­al der klein­bür­ger­li­chen Fami­lie hin­ge­gen erfährt heu­te einen zwei­ten Früh­ling. Die Sinus-Jugend­stu­die 2024 zeigt, dass tra­di­tio­nel­le Wer­te wie Fami­lie, Sicher­heit und Gebor­gen­heit für Jugend­li­che mitt­ler­wei­le von gro­ßer Bedeu­tung sind. Vie­le stre­ben nach einer “bür­ger­li­chen Nor­mal­bio­gra­fie” mit fes­ter Part­ner­schaft, Kin­dern, eige­nem Haus und siche­rem Job. 

Immer mehr Har­den­bur­ger Bür­ger hat­ten ein Tele­fon, ein Fern­se­her, ein Auto, die die alt­her­ge­brach­te Wirts­haus­kul­tur ver­än­der­te sich lang­sam aber sicher. Mehr Indi­vi­dua­li­sie­rung statt Gemein­schaft war auch in Har­den­burg ange­sagt.  

Mit der Ver­wal­tungs­re­form von 1969 kam Har­den­burg als einer von fünf Orts­be­zir­ken zur Stadt Bad Dürk­heim. Aus heu­ti­ger Sicht eine gute Ent­schei­dung, da die wirt­schaft­li­che und finan­zi­el­le Situa­ti­on des Dor­fes ihren Höhe­punkt bereits über­schrit­ten hat­te. Vie­le Bür­ger sahen damals die­sen Sach­ver­halt aller­dings anders. Die meis­ten Arbeits­plät­ze sind in der Zwi­schen­zeit ver­lo­ren gegan­gen. Es begann mit der Kai­ser­de­cken­pro­duk­ti­on, die 1965 in Har­den­burg ihren Betrieb ein­ge­stellt hat, es folg­te die Tür­fa­brik Buchert, die 1975 schloss, das Säge­werk Assel spä­ter Ebling 2010, in jüngs­ter Zeit die Papier­fa­brik Cor­dier, die 2023 die Pro­duk­ti­on ein­stell­te.

Heu­te sind nur noch zwei Pro­duk­ti­ons­be­trieb in Har­den­burg, die Papier­fa­brik „LENK paper Schlei­pen GmbH  und das Säge­werk „Karl Becker“ vor­han­den.

Wie die bis­he­ri­ge Geschich­te Har­den­burgs ein­drucks­voll gezeigt hat, blüh­ten Dorf­ge­mein­schaft und Gast­stät­ten beson­ders dann auf, wenn die Dorf­be­woh­ner hei­mat­nah auch Arbeit hat­ten. Die heu­te selbst­ver­ständ­li­che Tren­nung von Arbeit und Woh­nen wirkt sich offen­bar auch auf das sozia­le Gefü­ge einer Dorf­ge­mein­schaft aus.

Was haben wir ver­lo­ren – und was kön­nen wir ler­nen 

Die Geschich­te zeigt uns immer wie­der, dass Krieg und Gewalt alles in kur­zer Zeit, was Gene­ra­tio­nen auf­ge­baut haben, ver­nich­tet. Die Fol­gen des Angriffs­krieg Russ­land auf die Ukrai­ne brin­gen uns seit 4 Jah­ren fast täg­lich sol­che Bil­der ins Wohn­zim­mer.

Die Frau­en und Män­ner, die vor uns leb­ten, kann­ten etwas, das wir heu­te drin­gend neu ler­nen müs­sen: die Balan­ce zwi­schen Eigen­in­ter­es­se und Gemein­wohl aus­zu­ta­rie­ren. Damit der Zusam­men­halt in unse­rer Gesell­schaft, die Ver­nunft und die poli­ti­sche Ver­stän­di­gung gege­ben sind und blei­ben.  

Sie wuss­ten, wie man mit wenig aus­kommt und nut­zen die vor­han­de­nen Res­sour­cen, die der Wald, die Klein­tier­hal­tung und die Gemü­se­gär­ten ihnen gab.

Sie wuss­ten: ohne Gemein­schaft kein Über­le­ben und tra­fen sich zum Aus­tausch und Bei­sam­men­sein  in den Gast­stät­ten. Ein respekt­vol­ler Umgang  unter­ein­an­der gehör­te auch dazu. Selbst­ver­ständ­lich war nicht alles Frie­de, Freu­de, Eier­ku­chen. Es gab auch die übli­chen Strei­te­rei­en in der Gemein­schaft, so wie heu­te. Per­sön­li­che Frei­heit und Gemein­wohl­ori­en­tie­rung ste­hen viel weni­ger in Wider­spruch als man leicht­sin­nig glau­ben möch­te.

Mit Mehr­ge­ne­ra­tio­nen­haus und Bür­ger­häu­sern ver­su­chen wir heu­te den Ver­lust der „Treff­punk­te“ zu kom­pen­sie­ren.

Die Welt dreht sich wei­ter

Heu­te ste­hen wir wie­der vor der nächs­ten gro­ßen Her­aus­for­de­rung, der Wär­me­wen­de. Das Ziel bis 2045 die Raum­hei­zung der Haus­hal­te  CO2 frei zu machen und die Fos­si­len Brenn­stof­fe durch Alter­na­ti­ven wie z.B. Wär­me­pum­pe, Infrarot‑, elektr. Flä­chen- oder Pel­let­hei­zun­gen zu erset­zen, wird vie­le Haus­be­sit­zer vor unge­ahn­te Pro­ble­me stel­len. Neben der adäqua­ten tech­ni­schen Lösung für jedes ein­zel­ne Gebäu­de, steht die Bezahl­bar­keit der Maß­nah­men im Fokus. 

Die Aus­wir­kun­gen der hohen CO2 Kon­zen­tra­ti­on in der Atmo­sphä­re, die sich über Wet­ter- Phä­no­men auf unse­ren Pla­ne­ten zei­gen,  sehen und hören wir fast wöchent­lich in den welt­wei­ten Ereig­nis- und Scha­dens­be­rich­ten der Radio- oder Fern­seh­sta­tio­nen.

Auch wir in Har­den­burg waren von Stark­re­gen­er­eig­nis­sen im Mai 2016, Mai 2018 und Juni 2018 mit den ent­spre­chen­den Fol­gen, wie voll­ge­lau­fe­nen Kel­ler, Tief­ga­ra­gen und Muren­ab­gän­gen bereits betrof­fen. Nichts tun gegen kli­ma­ti­sche Ver­än­de­run­gen ist kei­ne Hand­lungs­op­ti­on.

Die Geschich­te der Gast­stät­ten in Har­den­burg ist auch eine der stän­di­gen Anpas­sungs­be­reit­schaft, an kli­ma­ti­sche Bedin­gun­gen, poli­ti­sche Umstän­de, wirt­schaft­li­che Wid­rig­kei­ten, gewe­sen.

Dar­in liegt gro­ße Hoff­nung: Auch wir kön­nen die uns auf­er­leg­ten Her­aus­for­de­run­gen bewäl­ti­gen.

Das Wald­fest erin­nert genau dar­an, dass Men­schen in einer leben­di­gen Gemein­schaft zu krea­ti­ven Lösun­gen für gesamt­ge­sell­schaft­li­che Pro­ble­me imstan­de waren. 

Vie­len Dank für ihre Auf­merk­sam­keit.